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Innenansicht eines germanischen Hauses
Die Germanen pflegten in rustikalem Ambiente zu speisen. Foto: Freilichtmuseum Oerlinghausen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Foto mit Wald und Sumpf
"Unheimlich und abstoßend" findet Tacitus große Teile Germaniens. Foto: S. Theby
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Bewohner der Langhäuser mussten ohne Fenster auskommen
Die Bewohner der Langhäuser mussten ohne Fenster auskommen. Foto: Freilichtmuseum Elsarn
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Darsteller mit Kleidung, wie sie vor 2000 Jahren getragen wurde
Darsteller mit Kleidung, wie sie vor 2000 Jahren getragen wurde. Foto: Freilichtmuseum Elsarn
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Natur als Tempel: die germanischen Stämme weihten ihren Göttern Bäume, Haine und Lichtungen. Foto: S: Theby

 

 

 

Rekonstruierte Germanensiedlung Rekonstruierte Germanensiedlung. Foto: Freilichtmuseum Elsarn

Krieger und Bauern östlich des Rheins

Das Leben in Germanien vor 2000 Jahren

Mit den Römern kommt der pure Luxus nach Germanien. Gemauerte Häuser, beheizte Bäder und eine aufwändige Wasserversorgung sorgen für ein relativ angenehmes Leben. Doch die Germanen wollen ihre archaischen Lebensumstände nicht aufgeben – und schon gar nicht ihre Freiheit.

Von Sebastian Theby

Das Leben in „Germania Magna“, wie die Römer es nennen, ist rau. Die Menschen haben eine Lebenserwartung von 30 bis 35 Jahren, wenn nicht die hohe Kindersterblichkeit oder eine Fehde mit einem Nachbarstamm für ein vorzeitiges Ende sorgt. Sie sind zumeist Bauern, und leben von Feldarbeit und Viehhaltung. Doch auch das Kriegshandwerk ist ihnen mehr als vertraut: die Waffe wird laut dem römischen Historiker Tacitus niemals abgelegt, in längeren Friedenszeiten verdingen sich jüngere Männer gern als Söldner bei kriegführenden Stämmen, und überhaupt „gilt es sogar als träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann“.

Die Jagd ist aufwändig, und bleibt daher wenigen vorbehalten. Fleisch kommt dem Otto-Normal-Germanen wohl eher selten auf den Tisch; zu wertvoll sind seine wenigen Tiere für ihn, als dass er sie einfach aufessen könnte. Das Hauptnahrungsmittel ist Getreide, welches mit Mahlsteinen gemahlen wird. Der Abrieb der Mahlsteine wirkt auf die Zähne wie Schleifpapier, und gibt dem Essen eine „spezielle“ Note. Aber der Getreidebrei ist äußerst nahrhaft, und wird zudem ergänzt durch gesammeltes Obst, Nüsse, Pilze, Kräuter und Fisch. Man trinkt Wasser, Milch und auch Bier – oder zumindest einen Vorläufer des heutigen Bieres. Der alkoholhaltige Getreidesud ist sehr nahrhaft und hilft sogar gegen verschiedene Krankheiten. Selbst Kinder bekommen also Bier zu trinken.

Lustige Zeiten in einem harten Leben
Der Historiker Tacitus widmet dem Thema viel Platz in der Germania: „Die Speisen sind einfach... ohne umständliche Zubereitung, ohne besondere Gewürze wird der Hunger gestillt. Im Trinken wissen sie (die Germanen) weniger Maß zu halten. Würde man ihrer Trunksucht Vorschub leisten und ihnen die Möglichkeit bieten, soviel zu trinken, wie ihr Herz begehrt, könnte man sie durch diese Charakterschwäche leichter zugrunde richten als durch Waffen.“ In der Tat berauscht sich der germanische Müßiggänger nicht nur mit Bier: An Feiertagen ist auch Met beliebt, der gern mit psychedelischen Pilzen oder anderen berauschenden Pflanzen kombiniert wird. Solcherlei Mixturen gelten als Zugang zu metaphysischen Welten. Überhaupt sind die Menschen aus dem Norden scheinbar ein durchaus lustiges Volk. So wird vom Stamm der Kimbern berichtet, dass sie in den verschneiten Alpen auf ihren Schilden einen Berg hinunterrodeln – im Angesicht ihrer Feinde, und vor Freude johlend.

Trotzdem ist das Bauerndasein ein hartes Los. Große Sümpfe und dichter Urwald machen es nicht leicht, überhaupt ein Feld anzulegen. Wer jemals einen Baumstumpf mit bloßen Händen und einer Schaufel ausgegraben hat, wird sich leicht vorstellen können, was für ein gewaltiger Kraftakt erforderlich ist, um allein ein paar Quadratmeter Wald urbar zu machen. Dazu kommt noch, dass die Germanen über eher primitives Werkzeug verfügen, so dass von einer Rodung möglichst abgesehen wird. Der Feldherr Cäsar zeigt sich beeindruckt, wenn er über den Herkynischen Wald schreibt, der vom Schwarzwald bis in die Karpaten reicht: „Im hiesigen Germanien gibt es niemanden, der behaupten könnte, er sei bis ans Ende dieses Waldes gekommen (...), oder der auch nur vernommen, wo dieser Wald endet.“ Tacitus bezeichnet Germanien gar als „durch seine Wälder unheimlich, durch seine Sümpfe abstoßend.“ Entsprechend begehrt sind bei den germanischen Bauern natürlich Gebiete, in denen sich freie Flächen mit Wald abwechseln – als Rohstofflieferant ist der Wald in der Nachbarschaft zum Dorf gern gesehen.

Naturverbundenes Wohnen
Die Siedlungen selbst sehen dementsprechend natürlich aus. Die Steinbauweise beherrscht niemand, also erhalten die rechteckigen Langhäuser Wände aus lehmverputztem Flechtwerk, das teilweise mit Holz verstärkt wird. In Einzelfällen ist auch das gesamte Haus aus Holz. Mehrere Lagen Schilf oder Stroh bilden das Dach. Diese Behausungen werden nach dem Gutdünken ihrer Besitzer einfach dahin gebaut, wo es am günstigsten erscheint. Nicht zu weit entfernt vom Nachbarn soll es sein, aber auch nicht zu nah dran. So entsteht eine organische Ansammlung aus Häusern, Gärten und Zäunen, die verstreut in der Landschaft liegen – Städte gibt es im freien Germanien nicht. Die Höfe werden nicht von Großfamilien, sondern von Gemeinschaften bewohnt. Zu diesen Gemeinschaften gehört auch das wertvolle Vieh: hinten im Haus gibt es einen Stall. Der Geruch ist dementsprechend herb, und wird zudem desöfteren durch einen beißenden Qualmgeruch ergänzt, der von der Herdstelle in der Hausmitte herrührt. Als Rauchabzug dient eine Öffnung im Dach, Türen gibt es lediglich an den Stirnseiten des Langhauses, und die Fenster spart man sich ganz (der Begriff „fenestra“ stammt von den Römern). Schutz gegen Kälte und Nässe ist einfach wichtiger als Licht und Frischluft in der Wohnung, auf diesen einfachen Nenner bringt der germanische Häuslebauer seine architektonischen Ansprüche.

Die damalige Kleidung ist derbe und funktionell. Leder, Felle und Leinen oder Schafswolle werden zu Kleidungsstücken vernäht, die den harten und schwankenden Wetterbedingungen Germaniens trotzen können. Das Klima macht zudem einen relativ großen Erfindungsreichtum notwendig: neben dem obligatorischen Umhang gibt es unter anderem Schals, Kniebundhosen, Mäntel, kurze Hosen, verschiedene Schuhmodelle, bodenlange Hemdkleider und sogar den Minirock. Außerdem kommen die Germanen für die Erfindung der Strumpfhose in Betracht, eine Mode, die speziell den Römern mit ihren beinfreien Umhängen seltsam erscheint. In den germanischen Wintern und bei der Arbeit bietet sie jedoch immense Vorteile.
Ausrüstung wie Äxte und Speere sind oft von roher Gestalt. Schwerter bestehen oft nur aus Bronze, und selbst wenn sie aus Eisen sind, ist die Qualität nicht wirklich überzeugend. Schlechtes Eisenerz und veraltete Schmiedetechniken lassen so manches Schwert schnell kaputtgehen. Um so erstaunlicher scheint es, dass die Germanen nach Schlachten mit Römern die erbeuteten Waffen, welche qualitativ viel hochwertiger sind als die eigenen, nicht unbedingt selbst benutzen: Oftmals wird das Kriegsgerät stattdessen zerstört und einem Gott geopfert. Doch ihr zweitklassiges Kriegsgerät gleichen die Germanen mit todesmutiger Kampfkraft aus.

„Dem Untergang geweiht“
Diese schon im Altertum legendäre Kampfkraft wurzelt zu einem guten Teil im Glauben der germanischen Stämme. Der ehrenvolle Tod in der Schlacht ist Garant für den heilvollen Aufstieg der Seele ins Paradies, ohne Verletzung aus der Schlacht zurückzukehren bedeutet Schande in der Gesellschaft. In einer Schlacht zwischen zwei germanischen Stämmen wird dem Gegner durchaus schon mal versichert, das feindliche Heer im Falle des Sieges dem Totengott Wodan zu opfern. „Ein Gelübde, durch das Mann und Ross, überhaupt alles Lebende, dem Untergang geweiht wird“, schreibt Tacitus.

Neben unzähligen Göttern, die jeweils nur für bestimmte Stämme relevant sind, werden vier Hauptgötter über die Stammesgrenzen hinaus anerkannt: der Göttervater Wodan, der Gewittergott Donar, der Himmelsrichter und Kriegsgott Ziu und schließlich die mütterlich-ehebeschützende Frija. Besonders Donar steht bei den Bauern in hohem Ansehen, da der Donner, den er verursacht, stets Regen nach sich zieht. Der Donnerstag ist ihm gewidmet, und viele „Donnersberge“ weisen auch in heutiger Zeit noch auf die Popularität dieses Gottes hin. Kultgebäude gibt es bei den Germanen nicht, denn sie wollen ihre Götter „nicht in Wände einschließen“ (Tacitus). Stattdessen weihen sie den Göttern Lichtungen, Bäume und Haine, wo die religiösen Handlungen vollzogen werden. Eine heilige Eiche sollte dann auch während der Christianisierung Germaniens zum Sinnbild für den allmählichen Niedergang der germanischen Religion werden: im Jahr 723 fällt ein Mönch namens Bonifatius bei Kassel die „Donarseiche“ – zum Beweis der Ohnmacht der germanischen Götter.

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