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Prof. Egon Schallmayer. Foto: Römerkastell Saalburg

„Einbringen in die Wirklichkeit“

Prof. Egon Schallmayer leitet das Saalburgmuseum und ist der Landesarchäologe Hessens. Wir sprachen mit ihm über die Bedeutung von Hessens römischer Vergangenheit für die Moderne, und die Aufnahme des Limes in die UNESCO-Weltkulturerbeliste.

Von Sebastian Theby

Geschichtsthemen wecken bei manchem die Erinnerung an trockenen Schulunterricht. Warum sollte man sich trotzdem für die römische Geschichte Hessens interessieren? Welche Erkenntnisse kann man gewinnen?

Prof. Egon Schallmayer: Einerseits kann man damit sein Geschichtswissen erweitern – andererseits kann man aus der Geschichte – zumindest, wenn man das will – etwas lernen: Es ist ja so, dass sehr viele Geschehnisse zumindest Parallelerscheinungen zu Vorgängen der heutigen Zeit haben. Man kann die Geschichte daher ein Stück weit als Referenzsystem benutzen, um die eigene Gegenwart einordnen zu können. Ich glaube diese beiden Aspekte sind sehr wesentlich: Ein außerschulischer Bereich, den wir hier auf der Saalburg abdecken – als außerschulischer Lernort um eben die Geschichte zu lehren – und auch, um Dinge besser einschätzen zu lernen, weil man weiß, wie so etwas in der Vergangenheit mal abgegangen ist.

Wie maßgeblich waren denn die Auseinandersetzungen der Römer mit den Germanen für die weitere Entwicklung Europas?

Schallmayer: Das war sicherlich eine sehr wichtige Auseinandersetzung. Zunächst einmal ist es ja so gewesen, dass die Römer einen Status quo über mehrere Jahrhunderte aufrechterhalten haben. Das hat sich ab der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts bis ins fünfte Jahrhundert hinein sukzessive eingeschränkt.
Die Auseinandersetzung Roms mit den Germanen hat einerseits dazu geführt, dass Rom seine Techniken natürlich weiterentwickelt hat, auf der anderen Seite dass sich die germanischen Stämme unter dem Druck Roms oder in der Begegnung mit den Römern selbst formiert haben. Sehr viele dieser Stämme sind erst dann entstanden und haben sich sozusagen innerlich zusammengeschweißt, als sie sich in Konfrontation mit den römischen Soldaten befanden.

Können Sie etwas dazu sagen, wie sich die Landschaft zwischen Taunus, Wetterau und dem Main verändert hat, während die Römer hier waren?

Schallmayer: Als die Römer hier zum ersten Mal aufgetreten sind, war ja hier schon eine offene Siedlungslandschaft, denn vorher gab es ja hier auch schon Besiedelung: Die Kelten waren hier, Steinzeitleute waren hier, die also schon die Grundlagen der Landschaftsformung gegeben haben, soweit sie von Menschen gelegt wurden.
Die Römer haben in ihrem Bereich natürlich die Landwirtschaft stärker ausgebaut, sie haben die Verkehrswege besser ausgebaut, sie haben das Land strukturiert erschlossen und damit dieser Landschaft sozusagen ein modernes Gepräge aufgedrückt. Insofern lässt sich das, was damals passiert ist, also Regionalplanung und Regionalentwicklung, durchaus auch mit modernen Begriffen bezeichnen.

Der Limes wurde im vergangenen Jahr in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen – welche Vorteile bringt das?

Das hat den Vorteil, dass wir mit dem Limes denkmalpflegerisch noch viel sorgfältiger umgehen müssen als bisher, weil die UNESCO natürlich darüber wacht, was wir mit diesem Denkmal – es ist ja das größte Bodendenkmal in Deutschland – anfangen. Es hat überdies den Vorteil, dass sich die Wissenschaft noch intensiver um das Thema Limes und seine Begleiterscheinungen kümmert und sich damit beschäftigt. Wir werden verstärkt angefragt, wie wir dieses Thema an das Volk heranbringen. Schließlich ist auch ein touristischer Nutzen damit verbunden. Wir merken schon, dass Leute hier nach Hessen an den Wetteraulimes kommen, um ganz bestimmte Kastelle oder Situationen kennenzulernen – und das ist auch ein Teil, wie sich die Archäologie sozusagen in eine gesellschaftliche Wirklichkeit einbringen kann. Wir sind nicht nur „am Rand“; das, was mit der Archäologie und den Römern in diesem Fall verbunden ist, kommt auch der Gesellschaft zugute.

Was wäre heute in Deutschland Ihrer Meinung nach anders, wenn die Römer Germanien bis zur Elbe erobert hätten?

Schallmayer: Das ist eine sehr spekulative Frage. Natürlich wäre die Weltgeschichte total anders verlaufen! Denn das, was dann im frühen Mittelalter, wir sprechen vom 6. bis zum 8. Jahrhundert, bis hin zur Ostkolonisation im 12. und 13. Jahrhundert stattgefunden hat, wäre ja von einer anderen Grundlinie aus geschehen. Wahrscheinlich hätten die kulturellen Beeinflussungen eine noch stärkere Reichweite gehabt, mithin bis nach Sibirien, so dass vielleicht auch andere Völkerschaften entstanden wären. Unsere Sprache wäre vielleicht anders gewesen, weil wir doch dann viel weiter im Hinterland einer römischen Grenze gelegen hätten. Und: vielleicht würde Deutsch eine romanische Sprache sein. All diese Dinge kann man sich ausmalen – vielleicht wäre sogar der Weltfriede stärker gewesen – aber das ist so spekulativ, das weiß man nicht!

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