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Ehrfurcht und Abneigung Ein Römer beschreibt die Germanen Viel weniger wäre über die Ahnen der heutigen Deutschen bekannt, hätte es nicht Publius Cornelius Tacitus gegeben. Der römische Redner und Historiker veröffentlichte im Jahr 98 die Abhandlung Germania, in der er sich intensiv mit den Germanen beschäftigt. „De origine, situ, moribus et populis Germanorum“, „Über Ursprung, Sitz, Sitten und Völker der Germanen“, ist der volle Titel der Handschrift. Kein anderes Volk, zu denen die Römer Kontakt hatten, wurde derart umfangreich porträtiert wie die Germanen. Die germanischen Stämme kannten zwar die Runenschrift, benutzten sie aber nur für magisch-religiöse Zwecke. Historische Dokumentationen durch Germanen selbst sind also Mangelware. Doch Tacitus sprang in die Bresche und beschrieb eindrucksvoll Wirtschaft, Religion, Rechtsvorstellungen, Kleidung, Erziehung, Gastfreundschaft, Totenbestattung und vieles mehr. Fakten und Klischees Die damaligen Umstände müssen auch noch in einer anderen Hinsicht beachtet werden. Wenn Tacitus römische mit germanischen Sitten vergleicht und dabei beispielsweise die Keuschheit der germanischen Jugend lobpreist, geschah dies sicher nicht nur aus selbstlosem Drang zur Dokumentation. Der Sittenverfall im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts scheint Tacitus abgestoßen zu haben, und so wollte er der verdorbenen Gesellschaft vielleicht einen Spiegel vorhalten, nach dem Motto: „Seht her, wie verkommen wir sind, und was für hehre Werte dieses so rückständige Volk noch hat!“ Doch auch wenn Tacitus mit solchen Passagen belehren wollte, sollte die Germania nicht allein auf weltverbessernde Absichten reduziert werden. Grundlage für Deutschtümelei Um 1450 wurde dann im Kloster Hersfeld eine Abschrift der Germania wiederentdeckt, und 20 Jahre später in Venedig nachgedruckt. Eine deutsche Ausgabe erschien 1473, doch vor allem im späten 19. Jahrhundert sorgte die Germania wieder richtig für Furore. Sie wurde zur Grundlage für eine Deutschtümelei, die immer mehr Anhänger fand. Einzelne Stellen wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen, und in einem nationalpatriotischen Sinn gebraucht – eben ohne die historischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Folge war, dass Eigenheiten und Werte eines Volkes vor fast 2000 Jahren rücksichtslos auf die aktuell bestehende Gesellschaft bezogen wurden. Und obwohl diese Vergleiche jeglicher seriöser Grundlage entbehrten, ist die Germania für die Entstehung eines deutschen Nationalgedankens sicherlich mitverantwortlich. Hassliebe zu den Germanen Weiter mit: Der Anfang vom Ende
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