Impressum

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Name futhark leitet sich von den ersten sechs Zeichen der Runenschrift ab.
Der Name futhark leitet sich von den ersten sechs Zeichen der Runenschrift ab.
 
 
 
 
 
Gaius Julius Caesar
Gaius Julius Caesar. Foto: Wikimedia Commons
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Deckblatt eines 1598 von Justus Lipsius veröffentlichten Sammelbandes mit Tacitus' Werken
Deckblatt eines 1598 von Justus Lipsius veröffentlichten Sammelbandes mit Tacitus' Werken. Bild: Wikimedia Commons
 
 
 
 
 
 
Die Archäologie bestätigt Tacitus: der von ihm beschriebene Suebenknoten konnte an Moorleichen nachgewiesen werden. Die Sueben waren ein germanischer Stamm, dessen Angehörige ihr Haar zu einem Knoten zusammenbanden – ein Vorläufer des heutigen Dutts.

 

 

 

 

 

Publius Cornelius Tacitus

Publius Cornelius Tacitus. Bild: Wikimedia Commons

Ehrfurcht und Abneigung

Ein Römer beschreibt die Germanen

Viel weniger wäre über die Ahnen der heutigen Deutschen bekannt, hätte es nicht Publius Cornelius Tacitus gegeben. Der römische Redner und Historiker veröffentlichte im Jahr 98 die Abhandlung Germania, in der er sich intensiv mit den Germanen beschäftigt.

Von Sebastian Theby

„De origine, situ, moribus et populis Germanorum“, „Über Ursprung, Sitz, Sitten und Völker der Germanen“, ist der volle Titel der Handschrift. Kein anderes Volk, zu denen die Römer Kontakt hatten, wurde derart umfangreich porträtiert wie die Germanen. Die germanischen Stämme kannten zwar die Runenschrift, benutzten sie aber nur für magisch-religiöse Zwecke. Historische Dokumentationen durch Germanen selbst sind also Mangelware. Doch Tacitus sprang in die Bresche und beschrieb eindrucksvoll Wirtschaft, Religion, Rechtsvorstellungen, Kleidung, Erziehung, Gastfreundschaft, Totenbestattung und vieles mehr.

Fakten und Klischees
Von Tacitus, der vermutlich im Jahr 55 in Südgallien geboren wurde, ist nicht bekannt, ob er Germanien oder die römisch-germanischen Provinzen überhaupt selbst besuchte. Das musste er aber auch nicht unbedingt – Karl May, der trotz seiner legendären Winnetou-Bücher nie im „Wilden Westen“ war, lässt grüßen –, denn in der Antike war es durchaus üblich, die Berichte anderer aufzugreifen und gewissermaßen „auszuschreiben“. Diese „anderen“ waren meist ebenfalls Historiker, oder auch Angehörige des römischen Militärs, deren Berichte in der Tat sehr genau waren (ein Beispiel ist Cäsars Bellum Gallicum, Der Gallische Krieg). Tacitus übernahm und kommentierte sie einfach – wie viele seiner Historikerkollegen. Außerdem wurde Tacitus journalistisch tätig, und befragte Augenzeugen wie Soldaten und Kaufleute. Zu diesen ziemlich glaubwürdigen Quellen und Fakten gesellten sich aber auch diffamierende Klischees, die zur Zeit Tacitus’ über die Barbaren im Umlauf waren.

Die damaligen Umstände müssen auch noch in einer anderen Hinsicht beachtet werden. Wenn Tacitus römische mit germanischen Sitten vergleicht und dabei beispielsweise die Keuschheit der germanischen Jugend lobpreist, geschah dies sicher nicht nur aus selbstlosem Drang zur Dokumentation. Der Sittenverfall im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts scheint Tacitus abgestoßen zu haben, und so wollte er der verdorbenen Gesellschaft vielleicht einen Spiegel vorhalten, nach dem Motto: „Seht her, wie verkommen wir sind, und was für hehre Werte dieses so rückständige Volk noch hat!“ Doch auch wenn Tacitus mit solchen Passagen belehren wollte, sollte die Germania nicht allein auf weltverbessernde Absichten reduziert werden.

Grundlage für Deutschtümelei
Das Buch war anfangs ein Bestseller in Rom, die geheimnisvollen Feinde im Norden Europas übten eine große Faszination auf die Menschen aus. Immerhin hatte Rom zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als 200 Jahren die „Siege über die Germanen mehr gefeiert als errungen“, wie der Autor selbst schreibt. Im Laufe der Zeit geriet die Germania aber in Vergessenheit. Heute wäre sie vielleicht ganz verschollen, wenn nicht 150 Jahre nach Tacitus’ Tod, also im Jahr 270 nach Christus, ein Gesetz zur Vervielfältigung des Werkes geführt hätte.

Um 1450 wurde dann im Kloster Hersfeld eine Abschrift der Germania wiederentdeckt, und 20 Jahre später in Venedig nachgedruckt. Eine deutsche Ausgabe erschien 1473, doch vor allem im späten 19. Jahrhundert sorgte die Germania wieder richtig für Furore. Sie wurde zur Grundlage für eine Deutschtümelei, die immer mehr Anhänger fand. Einzelne Stellen wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen, und in einem nationalpatriotischen Sinn gebraucht – eben ohne die historischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Folge war, dass Eigenheiten und Werte eines Volkes vor fast 2000 Jahren rücksichtslos auf die aktuell bestehende Gesellschaft bezogen wurden. Und obwohl diese Vergleiche jeglicher seriöser Grundlage entbehrten, ist die Germania für die Entstehung eines deutschen Nationalgedankens sicherlich mitverantwortlich.

Hassliebe zu den Germanen
Es gab also in der Geschichte nicht nur einen Versuch, die Abhandlung für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Dessen ungeachtet ist die Germania die genaueste Schilderung germanischer Vergangenheit, die es gibt. Vieles, was Tacitus beschrieben hat, wurde durch die Archäologie mittlerweile bestätigt. Was genau der Historiker mit seiner Abhandlung bezwecken wollte, ist nicht geklärt. Trotz seiner Hassliebe zu den Germanen – Tacitus war einerseits von der Lebensweise der Barbaren angewidert, andererseits jedoch imponierten ihm bestimmte Wesenszüge der germanischen Stämme – wollte er vermutlich einfach informieren. Ein Volk beleuchten, das kulturell so rückständig erschien, und dennoch in der Lage war, die Weltmacht Rom ernsthaft zu bedrohen.

Weiter mit: Der Anfang vom Ende

[Zum Seitenanfang]

[Zur Artikelauswahl]