
Arminiusdenkmal im
Teutoburger Wald. Foto: S. Theby
Der große Auftritt der Germanen
Ein Volk in seiner Jugendzeit
Der Limes ist die gut bewachte Grenze
des römischen Weltreiches. Auf der anderen Seite viel Wald, Sumpf
– und widerspenstige Germanen. Was ist das eigentlich für ein
Volk, das sich so erfolgreich der römischen Macht erwehrt und damit
die Entwicklung Europas maßgeblich mitbestimmt?
Von Sebastian
Theby
Als 120 vor Christus germanische Stämme
aus Norddeutschland in Richtung Alpen wandern, sind sie in Rom noch unbekannt.
Man bringt sie mit den Kelten in Verbindung. Dabei liegen die Römer
noch nicht mal ganz verkehrt, hat doch die keltische Kultur zu diesem
Zeitpunkt einen großen Einfluss in den rechtsrheinischen Gebieten.
Keltische Siedlungen sind heute noch in Mittelhessen nachweisbar (zum
Beispiel das „Heidetränk-Oppidium“ auf dem Dünsberg
bei Gießen).
„Allmählich zur Geltung
gekommen“
Die germanische Kultur aus dem Norden rückt
erst später dauerhaft in diese Gebiete vor, und verdrängt die
keltische dabei. Wären die Kelten von den Römern später
nicht assimiliert worden, hätte sich die keltische Kultur sicherlich
noch weiter verbreitet – schließlich war sie um einiges weiter
entwickelt als die germanische.
In den Jahren 113 und 105 vor Christus treffen Teile der wandernden germanischen
Stämme in der Alpenregion auf römische Legionen, und vernichten
sie trotz ungünstiger Voraussetzungen. Auch wenn diese Stämme
bis 101 vor Christus alle besiegt und versklavt sind – der Tod von
unzähligen Legionären brennt sich fest ein in das kollektive
Gedächtnis der Römer.
Der griechische Historiker Poseidonios erwähnt
die Germanen im Jahr 80 vor Christus als erster. Er äußert
sich in einer Schrift abfällig über die Essgewohnheiten der
Germanoi, wie er sie nennt. Wenige Jahre später folgt ein
weiterer bemerkenswerter Auftritt der Germanen: In den Sklavenaufständen
unter Spartakus gibt es ein eigenes Regiment, welches nur aus Kimbern
und Teutonen besteht. Es sind Mitglieder eben jener Stämme, die sich
120 vor Christus auf Völkerwanderung begaben, und den Römern
schon einmal kräftig Ärger bereitet hatten.
Im Gallischen Krieg (58 bis 51 vor Christus) legt der Feldherr
Cäsar mehr oder weniger willkürlich den Rhein als Grenze zwischen
Gallien (heute Frankreich und Belgien) und Germanien fest. Der Name „Germanen“
wird von ihm zu dieser Zeit schon wie selbstverständlich benutzt.
Und der Historiker Tacitus schreibt in der Erzählung Germania:
„Die nämlich, die zuerst den Rhein überschritten und die
Gallier vertrieben hätten, seien damals Germanen genannt worden.
So sei der Name eines einzelnen Stammes, nicht der eines Volkes, allmählich
zur Geltung gekommen.“
Keine Rede von Unterwerfung
Die Barbaren, wie die Germanen
von den Römern auch genannt wurden, sind sich vor 2000 Jahren jedenfalls
keines Nationalgedankens bewusst. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Stämmen,
die zwar sehr ähnliche Lebensweisen und Traditionen haben und auch
miteinander handeln, ansonsten aber unabhängig voneinander sind.
Lokalhäuptlinge und Könige haben die Führungspositionen
inne. Im Kriegsfall verbünden sich einzelne Stämme. Ein bekanntes
Beispiel ist das Bündnis unter dem Cheruskerfürsten Arminius,
der den Römern eine entscheidende Niederlage im Teutoburger Wald
(bei Kalkriese) beibringt. Wie brüchig solche Gefüge jedoch
sind, zeigt Arminius’ Ermordung einige Jahre später –
der Mörder entstammt vermutlich der eigenen Familie.
Nach dem Rückzug der Kelten erstreckt sich
der Siedlungsraum der germanischen Stämme vom Rhein bis in das Gebiet
des heutigen Litauens, und von der Donau bis nach Schweden.
Und zumindest bis zur Elbe wollen die Römer eigentlich vorstoßen.
Mittel- und Norddeutschland sollen dem Imperium Romanum einverleibt
und zu Provinzen gemacht werden – doch der Plan will nicht so richtig
aufgehen.
Im Jahr 9 vor Christus durchquert der Heerführer Drusus das Land
und erreicht tatsächlich das Ufer der Elbe. Dort prophezeit ihm eine
germanische Seherin von der anderen Flussseite aus seinen nahen Tod. Die
Expedition kehrt um, Drusus fällt vom Pferd, und bricht sich dabei
den Oberschenkel. Kurz darauf holt ihn die Vorsehung ein, und er stirbt
an dieser Verletzung.
18 Jahre später fallen 20.000 römische Soldaten bei der Schlacht
im Teutoburger Wald, ein katastrophaler Verlust für Rom. Auch die
folgende Vergeltungsaktion, der Germanische Krieg von 13 bis
16 nach Christus, bringt den Römern keine nennenswerten Vorteile.
Tatsächlich sterben noch mehr Legionäre, als sie per Schiff
aus Norddeutschland nach Köln zurückkehren: viele ertrinken,
als ihre Schiffe in einem Sturm kentern.
Rom schließt, vor allem in der Folgezeit, zeitweise Verträge
mit mehreren Stämmen zwischen Rhein und Elbe. Von einer Unterwerfung
der drei bis vier Millionen Menschen in diesem Gebiet kann aber keine
Rede sein.
Ende der Expansion
Das Jahr 83 nach Christus: Rom bricht einen
neuen Krieg vom Zaun, und zwar gegen den germanischen Stamm der Chatten.
Gleichzeitig beginnt man mit der Errichtung des Limes. Zwar wird in Rom
denn auch im Jahr 89 der Sieg über die Chatten propagiert, und auch
die Eroberung Germaniens „bis zur Elbe“ ist angeblich vollbracht.
Doch die Realität sieht anders aus: man steht immer noch vor einem
riesigen Gebiet, das zahlreiche renitente Stämme beheimatet. Der
Rheingau, die Wetterau und das Gebiet südlich des Mains sind unter
römischer Kontrolle, im Norden jedoch gibt es kein Vorwärtskommen.
Die germanischen Wälder sind oft zu dicht und undurchdringlich, lediglich
kleine Pfade und Wege ziehen sich durch das Dickicht – das römische
Heer braucht aber viel Platz, um effektiv kämpfen zu können.
Im Unterholz kommt es wiederholt zu Überfällen durch Chatten
und Hermunduren, die sich im Terrain bestens auskennen und nach jedem
Angriff genau so blitzartig verschwinden können, wie sie aufgetaucht
sind. Was in der Varusschlacht 9 nach Christus bereits zum Verhängnis
der römischen Legionen wurde, ist jetzt einmal mehr Mitgrund für
den Misserfolg.
Roms Verzicht auf die Eroberung Germaniens bis
zur Elbe wird mit dem Bau des Limes noch einmal unterstrichen, friedlichere
Zeiten brechen wieder an. Der Friede wird zwar teilweise durch Verträge
erzwungen – manchmal sorgen adlige Geiseln aus dem feindlichen Lager
für die Einhaltung – aber die Expansionspläne Roms sind
gestoppt. Der Limes symbolisiert nicht nur die größte Ausdehnung
des römischen Reiches, er steht auch für den Freiheitswillen
der germanischen Stämme. Die Germanen und ihr Widerstand werden zu
einem einflussreichen Faktor in der weiteren Entwicklung Europas.
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mit: Krieger und Bauern östlich des Rheins
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