
Abwehrformation
der Hilfstruppen. Foto: Vindeliker-Kohorte
Der Anfang vom Ende: der Limes
fällt
Nach rund 400 Jahren wird Hessen wieder
gänzlich germanisch
Im Schutz des Limes beginnen um das Jahr 100 friedlichere Zeiten. Das
Provinzleben blüht auf, auch die Germanen außerhalb des Limes
handeln eifrig mit den Römern. Die friedliche Koexistenz ist jedoch
nicht von Dauer: Aus den Tiefen Germaniens drängen wandernde Stämme
nach Westen und Süden. Der Druck auf Roms Grenzen steigt langsam,
aber sicher. Erste Einfälle der Alamannen im beginnenden 3. Jahrhundert
markieren den Anfang vom Ende römischer Herrschaft in Hessen.
Von Martin
Kania
Es gibt keinerlei Belege für „den“
großen Sturmangriff germanischer Stämme auf den Limes um das
Jahr 260, in dessen Folge Rom seine ostrheinischen Gebiete aufgab. Diese
Interpretation beruht auf propagandistischen Aufzeichnungen zeitgenössischer
Geschichtsschreiber. Von großdeutschem Wunschdenken beflügelte
Historiker und Machthaber übernahmen diese Ansicht im 19. und 20.
Jahrhundert, um ihre Weltsicht vom „Deutschen Wesen“ historisch
zu begründen. Dagegen vertreten Wissenschaftler heute die Ansicht,
dass der Fall des Limes ein überwiegend friedlicher Vorgang war:
Eine Kombination von äußeren Einflüssen und innenpolitischer
Instabilität veranlasste Rom letztlich dazu, sich hinter den Rhein
zurückzuziehen. Doch der Reihe nach:
Kriege im Osten, Pestilenz –
und wieder mal die Chatten
Im Jahr 161 wird Marc Aurel Kaiser. Kurz
darauf muss er im Osten gegen die einfallenden Parther in den Krieg ziehen.
Nach ihrem Sieg verbreiten die zurückkehrenden Legionen eine Pestepidemie,
die rund 20 Jahre wüten wird. Doch es kommt noch schlimmer: Die Markomannen
und andere Stämme erheben sich im Jahr 167, nachdem ihre Forderung
nach Siedlungsland abgelehnt wird. Sie ziehen plündernd und mordend
durch die Donauprovinzen bis zur Adria. Erst nach Jahren des Kampfes gelingt
es Rom, die Stämme zu besiegen. Sie bleiben dennoch ein bedeutender
Machtfaktor, so dass sie nun doch Siedlungsland und sogar Tributzahlungen
erhalten – im Tausch gegen Bündnistreue.
Während der Kriege im Osten erwacht offenbar
auch der alte Kampfgeist der Chatten wieder: Sie ziehen plündernd
durch Obergermanien. Ein Opfer dürfte jener Römer gewesen sein,
der 1322 Münzen im Kastell Stockstadt vergrub – er hätte
den Schatz ansonsten sicher wieder gehoben. Auch andernorts zeugen Brandschichten
im Erdreich von Zerstörungen. Doch die Römer behaupten sich
und vertreiben die Chatten bald wieder. Die Schäden werden repariert.
Für lange Zeit geht das Provinzleben wieder seinen gewohnten Gang
– bis zum Jahr 213.
Mit den Alamannen kommt der Niedergang
Nach der Jahrhundertwende entsteht an der
Mittelelbe ein neuer Stammesverband, die Alamannen (= alle Männer,
Menschheit). Unter diesem Namen schließen sich immer mehr Stämme
zusammen, auch die Chatten. Den Römern erscheint dies als potenzielle
Gefahr für die germanischen Provinzen, daher beschließt Kaiser
Caracalla im Jahr 213 einen Präventivkrieg. Ein riesiges Heer zieht
los: Die Legionen aus Germanien, verstärkt von Truppenteilen vieler
Provinzen, sogar aus Ägypten. Der Sieg gelingt schnell, doch man
ist sich im Klaren darüber, dass dies keine endgültige Entscheidung
sein wird. Für rund zwanzig Jahre hält der Frieden; die Römer
nutzen die Zeit, um ihre Civitas-Hauptorte im Grenzgebiet wie Heddernheim
(Nida) und Dieburg (Med...) mit Stadtmauern zu umgeben. Ein deutliches
Indiz für die gesteigerte Bedrohungslage, aber auch dafür, dass
die Römer keineswegs bereit sind, ihre Gebiete in Hessen zu räumen.
Die teuren Befestigungsanlagen sollen sich als
nützlich erweisen: Nachdem Teile der Einheiten am Limes wegen eines
Krieges im Osten abgezogen werden, fallen die Alamannen im Jahr 233 an
Rhein und Donau ein und verwüsten die Provinzen, so auch in Hessen.
Bei der Bevölkerung entsteht trotz eines erfolgreichen Gegenschlages
der Eindruck, dass es sich im Grenzgebiet nicht mehr sicher Leben lässt.
Damit beginnt langsam der Niedergang des römischen Lebens in Hessen.
Bodenfunde aus dieser Zeit stützen die Annahme, dass manches zerstörte
Kastelldorf nicht mehr bzw. nicht mehr vollständig aufgebaut wird.
Nach erneuten Alamanneneinfällen verschlimmert sich die Situation;
bei Neuwied wird im Jahr 260 sogar eine komplette Kastellbesatzung aufgerieben.
Die Kastelle im Taunus, in der Wetterau und am Mainlimes werden zu dieser
Zeit wahrscheinlich kampflos geräumt, die Verbände ziehen sich
hinter den Rhein zurück. Immer mehr Bewohner verlassen danach das
Land und ziehen in befestigte Orte.
Das Imperium beginnt zu wanken
Nicht nur am Limes steigt der Druck auf die
Provinzen. Vielmehr wird das Imperium in seinen Grundfesten erschüttert.
Armeeeinheiten rufen ihnen genehme Offiziere zum Kaiser bzw. Gegenkaiser
aus und bekriegen sich untereinander, die einstige Machtzentrale am Tiber
ist damit Geschichte. Dazu kommt ein beispielloser wirtschaftlicher Niedergang,
ausgelöst aufgrund einer Währungsinflation: Um die hohen Staatsausgaben
zu decken, hatte man bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts
damit begonnen, untergewichtige Münzen zu prägen. Indem man
z. B. immer mehr minderwertiges Metall zum Silber mischte, war der aufgeprägte
Münzwert höher als der tatsächliche Materialwert. Dies
zerstörte das Vertrauen in die einst stabile Währung –
bis das Geld um das Jahr 260 beinahe wertlos war.
Zurück nach Hessen: Den Germanen bleibt die
Landflucht der Römer nicht verborgen. Mit Duldung Roms siedeln sich
verschiedene alamannische Gruppen gegen Ende des 3. Jahrhunderts in den
verlassenen Landstrichen rechts des Rheins an. Den formalen Anspruch auf
die rechtsrheinischen Gebiete erhält Rom aufrecht. Die Neusiedler
werden beispielsweise vertraglich verpflichtet, eigene Truppenverbände
aufzustellen, um die Gebiete vor nachrückenden Germanenstämmen
zu schützen. Es hatte nämlich auf Grund einer merklichen Klimaverschlechterung
an Nord- und Ostsee eine Südwanderung vieler Stämme begonnen,
die sich infolge einer massiven Bevölkerungszunahme noch verstärkte.
Die „Germanisierung“ des Grenzlandes macht sich bald auch
darin bemerkbar, dass die Soldaten nun die runde Form des Germanenschildes
und mit Widerhaken besetzte Lanzen nach germanischer Bauart verwenden.
Germanische Führer erlangen zunehmend höhere römische Offiziersgrade
und Ämter bis hin zu Konsulatswürden – noch hundert Jahre
zuvor wäre das undenkbar gewesen.
Die letzten Versuche
Das eher friedliche Nebeneinander von Römern
und Alamannen hält – selten unterbrochen von kleineren Feldzügen
der Römer – fast 40 Jahre: Kurz vor der Jahrhundertwende berichten
antike Quellen von heftigen Kämpfen und Zerstörungen bei Mainz
und Günzburg. Von 306 an bemühten sich die Römer noch einmal,
östlich des Rheins Fuß zu fassen. Gegenüber von Mainz
wird wieder der Brückenkopf bis nach Wiesbaden und Flörsheim
besetzt. Auch im Odenwald sind die Römer nicht zu überhören:
Im heute Felsenmeer genannten Steinbruch bei Bensheim werden tonnenschwere
Säulen gebrochen; eine davon liegt noch heute vor dem Dom in Trier,
Domstein genannt. In der Mitte des 4. Jahrhunderts kehrt jedoch der Krieg
zurück. Immer wieder dringen Alamannen über den Rhein vor, auch
der Brückenkopf um Wiesbaden wird niedergebrannt. Auf römische
Gegenschläge im germanischen Gebiet folgen wieder Raubzüge der
Alamannen. Überliefert ist ein listiger geplanter Überfall auf
Mainz im Jahr 368: Als gerade das Mainzer Heer zu einem Feldzug ausgerückt
ist, setzt der Alamannenhäuptling Rando mit einer Kampfgruppe über
den Rhein. Die Mainzer Bevölkerung feiert an dem Tag einen hohen
christlichen Feiertag, wahrscheinlich Ostern. Die Stadt ist wie leergefegt,
denn die meisten Bewohner sind in der Kirche. So kommt es, dass Rando
und seine Kämpfer ungehindert viele Menschen in die Sklaverei verschleppen
und die Stadt plündern können.
Bei Wiesbaden lässt Kaiser Valentinian darauf
den Brückenkopf erneut einnehmen und eine mächtige Festung errichten,
die jedoch nie vollendet wird. Deren letzter sichtbarer Rest ist die sogenannte
Heidenmauer. Vom Frühjahr 378 ist der letzte römische Kriegszug
gegen die Alamannen am Rhein überliefert. Schließlich überqueren
Vandalen, Sueben und Alanen in der Silvesternacht des Jahres 406 den zugefrorenen
Rhein bei Mainz, um nach Gallien einzufallen. Bis ins ferne Bethlehem
dringt die Kunde, wo Kirchenvater Hieronymus klagt: „Unzähmbare
und äußerst wilde Stämme haben ganz Gallien überrumpelt.
Mainz, die einst so schöne Stadt, ist gefallen und zugrundegerichtet,
und in der Kirche wurden viele tausend Menschen umgebracht“. Hier
etwa ist der Schlusspunkt römischer Präsenz in Hessen zu setzen.
Und wie ging es weiter in Hessen?
Das Land östlich des Rheins bleibt
für rund hundert Jahre unter alamannischer Herrschaft. Dann werden
die Alamannen bei Zülpich vom Frankenheer König Chlodwigs geschlagen.
Von da an ist Hessen ein Teil des Reiches der Franken. Aber das ist eine
andere Geschichte.
Weiter mit: Viele Wege führen zum Limes
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