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Kaiser Marc Aurel
Kaiser Marc Aurel. Foto: Wikimedia Commons
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Römische Münzen
Römische Münzen. Foto: M. Kania
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Riesensäule im Felsenmeer
Die Riesensäule im Felsenmeer. Foto: M. Kania
 
 
 
 
 
 
Die Heidenmauer in Wiesbaden. Foto: M. Kania
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

Abwehrformation der Hilfstruppen

Abwehrformation der Hilfstruppen. Foto: Vindeliker-Kohorte

Der Anfang vom Ende: der Limes fällt

Nach rund 400 Jahren wird Hessen wieder gänzlich germanisch


Im Schutz des Limes beginnen um das Jahr 100 friedlichere Zeiten. Das Provinzleben blüht auf, auch die Germanen außerhalb des Limes handeln eifrig mit den Römern. Die friedliche Koexistenz ist jedoch nicht von Dauer: Aus den Tiefen Germaniens drängen wandernde Stämme nach Westen und Süden. Der Druck auf Roms Grenzen steigt langsam, aber sicher. Erste Einfälle der Alamannen im beginnenden 3. Jahrhundert markieren den Anfang vom Ende römischer Herrschaft in Hessen.

Von Martin Kania

Es gibt keinerlei Belege für „den“ großen Sturmangriff germanischer Stämme auf den Limes um das Jahr 260, in dessen Folge Rom seine ostrheinischen Gebiete aufgab. Diese Interpretation beruht auf propagandistischen Aufzeichnungen zeitgenössischer Geschichtsschreiber. Von großdeutschem Wunschdenken beflügelte Historiker und Machthaber übernahmen diese Ansicht im 19. und 20. Jahrhundert, um ihre Weltsicht vom „Deutschen Wesen“ historisch zu begründen. Dagegen vertreten Wissenschaftler heute die Ansicht, dass der Fall des Limes ein überwiegend friedlicher Vorgang war: Eine Kombination von äußeren Einflüssen und innenpolitischer Instabilität veranlasste Rom letztlich dazu, sich hinter den Rhein zurückzuziehen. Doch der Reihe nach:

Kriege im Osten, Pestilenz – und wieder mal die Chatten
Im Jahr 161 wird Marc Aurel Kaiser. Kurz darauf muss er im Osten gegen die einfallenden Parther in den Krieg ziehen. Nach ihrem Sieg verbreiten die zurückkehrenden Legionen eine Pestepidemie, die rund 20 Jahre wüten wird. Doch es kommt noch schlimmer: Die Markomannen und andere Stämme erheben sich im Jahr 167, nachdem ihre Forderung nach Siedlungsland abgelehnt wird. Sie ziehen plündernd und mordend durch die Donauprovinzen bis zur Adria. Erst nach Jahren des Kampfes gelingt es Rom, die Stämme zu besiegen. Sie bleiben dennoch ein bedeutender Machtfaktor, so dass sie nun doch Siedlungsland und sogar Tributzahlungen erhalten – im Tausch gegen Bündnistreue.

Während der Kriege im Osten erwacht offenbar auch der alte Kampfgeist der Chatten wieder: Sie ziehen plündernd durch Obergermanien. Ein Opfer dürfte jener Römer gewesen sein, der 1322 Münzen im Kastell Stockstadt vergrub – er hätte den Schatz ansonsten sicher wieder gehoben. Auch andernorts zeugen Brandschichten im Erdreich von Zerstörungen. Doch die Römer behaupten sich und vertreiben die Chatten bald wieder. Die Schäden werden repariert. Für lange Zeit geht das Provinzleben wieder seinen gewohnten Gang – bis zum Jahr 213.

Mit den Alamannen kommt der Niedergang
Nach der Jahrhundertwende entsteht an der Mittelelbe ein neuer Stammesverband, die Alamannen (= alle Männer, Menschheit). Unter diesem Namen schließen sich immer mehr Stämme zusammen, auch die Chatten. Den Römern erscheint dies als potenzielle Gefahr für die germanischen Provinzen, daher beschließt Kaiser Caracalla im Jahr 213 einen Präventivkrieg. Ein riesiges Heer zieht los: Die Legionen aus Germanien, verstärkt von Truppenteilen vieler Provinzen, sogar aus Ägypten. Der Sieg gelingt schnell, doch man ist sich im Klaren darüber, dass dies keine endgültige Entscheidung sein wird. Für rund zwanzig Jahre hält der Frieden; die Römer nutzen die Zeit, um ihre Civitas-Hauptorte im Grenzgebiet wie Heddernheim (Nida) und Dieburg (Med...) mit Stadtmauern zu umgeben. Ein deutliches Indiz für die gesteigerte Bedrohungslage, aber auch dafür, dass die Römer keineswegs bereit sind, ihre Gebiete in Hessen zu räumen.

Die teuren Befestigungsanlagen sollen sich als nützlich erweisen: Nachdem Teile der Einheiten am Limes wegen eines Krieges im Osten abgezogen werden, fallen die Alamannen im Jahr 233 an Rhein und Donau ein und verwüsten die Provinzen, so auch in Hessen. Bei der Bevölkerung entsteht trotz eines erfolgreichen Gegenschlages der Eindruck, dass es sich im Grenzgebiet nicht mehr sicher Leben lässt. Damit beginnt langsam der Niedergang des römischen Lebens in Hessen. Bodenfunde aus dieser Zeit stützen die Annahme, dass manches zerstörte Kastelldorf nicht mehr bzw. nicht mehr vollständig aufgebaut wird. Nach erneuten Alamanneneinfällen verschlimmert sich die Situation; bei Neuwied wird im Jahr 260 sogar eine komplette Kastellbesatzung aufgerieben. Die Kastelle im Taunus, in der Wetterau und am Mainlimes werden zu dieser Zeit wahrscheinlich kampflos geräumt, die Verbände ziehen sich hinter den Rhein zurück. Immer mehr Bewohner verlassen danach das Land und ziehen in befestigte Orte.

Das Imperium beginnt zu wanken
Nicht nur am Limes steigt der Druck auf die Provinzen. Vielmehr wird das Imperium in seinen Grundfesten erschüttert. Armeeeinheiten rufen ihnen genehme Offiziere zum Kaiser bzw. Gegenkaiser aus und bekriegen sich untereinander, die einstige Machtzentrale am Tiber ist damit Geschichte. Dazu kommt ein beispielloser wirtschaftlicher Niedergang, ausgelöst aufgrund einer Währungsinflation: Um die hohen Staatsausgaben zu decken, hatte man bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts damit begonnen, untergewichtige Münzen zu prägen. Indem man z. B. immer mehr minderwertiges Metall zum Silber mischte, war der aufgeprägte Münzwert höher als der tatsächliche Materialwert. Dies zerstörte das Vertrauen in die einst stabile Währung – bis das Geld um das Jahr 260 beinahe wertlos war.

Zurück nach Hessen: Den Germanen bleibt die Landflucht der Römer nicht verborgen. Mit Duldung Roms siedeln sich verschiedene alamannische Gruppen gegen Ende des 3. Jahrhunderts in den verlassenen Landstrichen rechts des Rheins an. Den formalen Anspruch auf die rechtsrheinischen Gebiete erhält Rom aufrecht. Die Neusiedler werden beispielsweise vertraglich verpflichtet, eigene Truppenverbände aufzustellen, um die Gebiete vor nachrückenden Germanenstämmen zu schützen. Es hatte nämlich auf Grund einer merklichen Klimaverschlechterung an Nord- und Ostsee eine Südwanderung vieler Stämme begonnen, die sich infolge einer massiven Bevölkerungszunahme noch verstärkte.
Die „Germanisierung“ des Grenzlandes macht sich bald auch darin bemerkbar, dass die Soldaten nun die runde Form des Germanenschildes und mit Widerhaken besetzte Lanzen nach germanischer Bauart verwenden. Germanische Führer erlangen zunehmend höhere römische Offiziersgrade und Ämter bis hin zu Konsulatswürden – noch hundert Jahre zuvor wäre das undenkbar gewesen.

Die letzten Versuche
Das eher friedliche Nebeneinander von Römern und Alamannen hält – selten unterbrochen von kleineren Feldzügen der Römer – fast 40 Jahre: Kurz vor der Jahrhundertwende berichten antike Quellen von heftigen Kämpfen und Zerstörungen bei Mainz und Günzburg. Von 306 an bemühten sich die Römer noch einmal, östlich des Rheins Fuß zu fassen. Gegenüber von Mainz wird wieder der Brückenkopf bis nach Wiesbaden und Flörsheim besetzt. Auch im Odenwald sind die Römer nicht zu überhören: Im heute Felsenmeer genannten Steinbruch bei Bensheim werden tonnenschwere Säulen gebrochen; eine davon liegt noch heute vor dem Dom in Trier, Domstein genannt. In der Mitte des 4. Jahrhunderts kehrt jedoch der Krieg zurück. Immer wieder dringen Alamannen über den Rhein vor, auch der Brückenkopf um Wiesbaden wird niedergebrannt. Auf römische Gegenschläge im germanischen Gebiet folgen wieder Raubzüge der Alamannen. Überliefert ist ein listiger geplanter Überfall auf Mainz im Jahr 368: Als gerade das Mainzer Heer zu einem Feldzug ausgerückt ist, setzt der Alamannenhäuptling Rando mit einer Kampfgruppe über den Rhein. Die Mainzer Bevölkerung feiert an dem Tag einen hohen christlichen Feiertag, wahrscheinlich Ostern. Die Stadt ist wie leergefegt, denn die meisten Bewohner sind in der Kirche. So kommt es, dass Rando und seine Kämpfer ungehindert viele Menschen in die Sklaverei verschleppen und die Stadt plündern können.

Bei Wiesbaden lässt Kaiser Valentinian darauf den Brückenkopf erneut einnehmen und eine mächtige Festung errichten, die jedoch nie vollendet wird. Deren letzter sichtbarer Rest ist die sogenannte Heidenmauer. Vom Frühjahr 378 ist der letzte römische Kriegszug gegen die Alamannen am Rhein überliefert. Schließlich überqueren Vandalen, Sueben und Alanen in der Silvesternacht des Jahres 406 den zugefrorenen Rhein bei Mainz, um nach Gallien einzufallen. Bis ins ferne Bethlehem dringt die Kunde, wo Kirchenvater Hieronymus klagt: „Unzähmbare und äußerst wilde Stämme haben ganz Gallien überrumpelt. Mainz, die einst so schöne Stadt, ist gefallen und zugrundegerichtet, und in der Kirche wurden viele tausend Menschen umgebracht“. Hier etwa ist der Schlusspunkt römischer Präsenz in Hessen zu setzen.

Und wie ging es weiter in Hessen?
Das Land östlich des Rheins bleibt für rund hundert Jahre unter alamannischer Herrschaft. Dann werden die Alamannen bei Zülpich vom Frankenheer König Chlodwigs geschlagen. Von da an ist Hessen ein Teil des Reiches der Franken. Aber das ist eine andere Geschichte.


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