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Der "Eichelstein" in der Mainzer Zitadelle.
Der "Eichelstein" in der Mainzer Zitadelle. Foto: M. Kania
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kaiser Augustus
Kaiser Augustus. Foto: Wikimedia Commons
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kaiser Tiberius
Kaiser Tiberius. Foto: Wikimedia Commons

 

 

 

 

Marschierende Hilfstruppen

Marschierende Hilfstruppen. Foto: Vindeliker-Kohorte

Als die Römer nach Hessen kamen

Der Auftakt zu 400 Jahren Krieg und Frieden in Germanien

Wir schreiben das Jahr 12 vor Christus: Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien? Ja, ganz Gallien. Der römische Heerführer Drusus steht mit seinen Legionen am Rhein, der Grenze des Imperiums. Östlich des Stroms erstrecken sich die düsteren Urwälder Germaniens. Zahlreiche Stämme siedeln hier – und diese Barbaren, wie die Römer sie nennen, stellen eine permanente Bedrohung für die Bevölkerung Galliens dar.

Von Martin Kania


Seit Jahrzehnten überqueren Kampfgruppen verschiedener Stämme wie Chauken, Usipeter oder Sugamber beinahe regelmäßig den Rhein und ziehen marodierend und plündernd durch die römischen Provinzen. Nicht, um die Römer von dort zu vertreiben und das Land zu erobern, sondern um der Beute und des Ruhmes willen. So gilt es bei manchem Stamm als „faul und träge, mit Schweiß erwerben zu wollen, was man mit Blut gewinnen kann“, weiß der römische Geschichtsschreiber Tacius in seinem Werk „Germania“ zu berichten. Um die Überfälle zu verhindern, führt Drusus seine Truppen in den Jahren 12 und 11 v. Chr. vom Niederrhein aus in mehreren Feldzügen bis tief ins Germanenland. Ziel ist es, angriffslustige Stämme niederzuwerfen und einzuschüchtern, oder sie mit Verträgen an Rom zu binden. Die Haltung der germanischen Stämme Rom gegenüber ist zu dieser Zeit keineswegs einheitlich: Während die Sugamber, Chauken, und auch das große Volk der Cherusker den Römern feindlich gesonnen sind, sind die Chatten bis dahin eher prorömisch eingestellt. Als Förderaten Roms siedeln sie im vertraglich zugewiesenen Gebiet im Bereich des westlichen Lahntals bis zum Rhein.

Die Chatten wechseln die Fronten
Gegen Ende des Jahres 11 v. Chr. lässt Drusus nach einem Vorstoß gegen die Cherusker erstmals am östlichen Rheinufer zwei befestigte Stützpunkte anlegen, einen davon im Gebiet der Chatten. Diese fühlen sich dadurch möglicherweise bedrängt, jedenfalls wechseln sie kurz darauf die Fronten und verbünden sich mit romfeindlichen Stämmen. Im folgenden Jahr verlagern die Chatten ihr Stammesgebiet ins heutige Nordhessen – und bleiben fortan Roms hartnäckigster Gegner im Kampf um Germanien. Nach dem „Umzug“ der Chatten verschiebt sich die Hauptkampfzone vom Niederrhein in Richtung Hessen. Ausgangspunkt für die folgenden Feldzüge ist nun Mogontiacum (Mainz), das zwischen 15 und 10 v. Chr. gegründet worden ist.

In den Jahren 10 und 9 v. Chr. führt Drusus seine Armee erneut gegen die Chatten. Bei diesen Vorstößen marschiert das römische Heer mitten durchs Rhein-Main Gebiet: Von Mainz aus über den Rhein, entlang des Mains bis zum Frankfurter Raum, von dort aus nach Norden durch die Wetterau und weiter in Richtung Giessener Senke. Im Zuge dieses Vorstoßes entsteht das Lager Rödgen bei Bad Nauheim, welches Archäologen als Versorgungslager der weit im Barbarenland operierenden Armee deuten. Das Lager bleibt bis höchstens 8 v. Chr. in Betrieb; es ist das einzig bekannte aus dieser ersten Phase der Germanenkriege. Drusus kämpft im Jahr 9 v. Chr. erfolgreich gegen mehrere Stämme. Bis an die Elbe gelangt er, wo er ein Siegesdenkmal errichten lässt. Auf dem Rückweg erleidet der berühmte Heerführer jedoch einen Unfall und verletzt sich so schwer, dass er bald darauf stirbt.

Tiberius befriedet Germanien – vorerst
Als die Nachricht vom Unfall des Drusus in Rom eintrifft, eilt dessen Bruder Tiberius nach Germanien. Er trifft Drusus noch lebend an, doch kurz darauf stirbt dieser. Tiberius geleitet seinen toten Bruder nach Rom. In Mainz wird ihm ein Ehrengrabmal errichtet, welches wahrscheinlich mit dem „Eichelstein“ in der Mainzer Zitadelle identisch ist – sicher ist dies mangels abschließender Untersuchungen jedoch nicht. Nach der Bestattung kehrt Tiberius zurück nach Mainz und übernimmt das Kommando über die Rheinarmee. In den beiden folgenden Jahren rückt diese abermals von ihrem Winterlager in Mainz aus und zieht gegen germanische Stämme in den Krieg. Doch kommt es zu keinen größeren Schlachten oder Aufständen. So heißt es in der römischen Geschichtsschreibung, Tiberius „unterwarf Germanien so vollständig, dass er es beinahe zur tributpflichtigen Provinz machte“.

Dies mag etwas übertrieben sein, doch tatsächlich gelingt ihm, „mehr durch kluge Diplomatie als durch Gewalt“, was seinem Bruder versagt blieb: Mit Umsiedelungsmaßnahmen und Verträgen bindet er die jenseits des Rheins lebenden Stämme an Rom. Alle Lager östlich des Rheins, darunter das in Rödgen, werden nahezu zeitgleich in den Jahren 8 oder 7 v. Chr. geräumt. Das deutet darauf hin, dass Kaiser Augustus die politischen Ziele offenbar als erreicht ansah: Zwischen Gallien und den Weiten Germaniens ist eine Art Pufferzone entstanden, in der ausschließlich romfreundliche Stämme siedeln, bzw. solche, die in einigermaßen engen Kontakt mit Rom stehen. Tiberius kehrt nach Rom zurück und feiert seine Erfolge. In den Jahren danach bleibt es friedlich am Rhein – doch die Ruhe trügt.

Ein „gewaltiger Krieg“ bricht los
Im Jahr 1. n. Chr. erheben sich die meisten germanischen Stämme gegen Rom. Über die genauen Gründe und den Verlauf dieses Aufstandes ist nicht viel bekannt, jedoch wird er in antiken Quellen als „immensum bellum“, als „gewaltiger Krieg“ bezeichnet. Erst nachdem wieder einmal Tiberius im Jahr 4 das Kommando über die Rheinarmee übernimmt, kann er den Aufstand niederschlagen: „Wir drangen sogleich in Germanien ein, Canniefaten, Attuarier, Brukterer wurden unterworfen, die Cherusker wieder in die Pflicht genommen, die Weser wurde überschritten und tief in das jenseitige Gebiet eingedrungen“ schreibt Velleius Paterculus, ein Augenzeuge der Kämpfe.

Das Vorhaben einer Gallien vorgelagerten Pufferzone am Rhein ist offensichtlich gescheitert. Um der dauernden germanischen Bedrohung dennoch Herr zu werden, zieht Kaiser Augustus nun die vollständige Eroberung des freien Germaniens in Betracht. Doch zunächst entsteht im Osten ein neuer Machtfaktor: Unter ihrem König Marbod vereinigen sich mehrere Stämme im Gebiet des heutigen Böhmens – die erste wirkliche Staatsbildung germanischer Völker. Mit zwölf Legionen rücken die Römer im Jahr 6 von Westen und Süden gegen Marbod vor, um mit einem Präventivschlag die potenzielle Bedrohung zu beseitigen, die von dem vereinten Germanenreich ausgeht: Immerhin stehen in Marbods Heer rund 70.000 Kämpfer und weitere 4.000 Reiter bereit. Zu einer Entscheidungsschlacht kommt es nicht, da kurz zuvor in der römischen Balkan-Provinz Pannonien ein Aufstand losbricht. Das römische Heer macht kehrt und marschiert gegen die Aufständischen – denn nun ist auch das nahe Italien in Gefahr. Marbod nutzt diese akute Schwächung der römischen Grenzen jedoch nicht aus und schließt Frieden mit Rom.

Die Varusschlacht: 20.000 tote Soldaten
Indessen hat der erfahrene Verwalter Quinctilius Varus den Befehl über die Rheinarmee übernommen. Er versucht, auch die Stammesterritorien nach römischem Muster zu verwalten, doch die Germanen weigern sich. Sie erheben sich im Jahr 9 erneut, worauf Varus in den Krieg zieht. Im Teutoburger Wald geraten seine drei Legionen samt Hilfstruppen und Versorgungstross in einen Hinterhalt und werden von alliierten Germanenstämmen besiegt. Nach der Kesselschlacht sind rund 20.000 Soldaten tot – etwas mehr als ein Zehntel aller Soldaten Roms. Infolge dieser bitteren Niederlage ziehen sich die Römer bis auf wenige Brückenköpfe hinter den Rhein zurück. Tiberius übernimmt erneut den Befehl über das Rheinheer und verstärkt die verbliebenen drei Legionen um weitere fünf. Bis zum Jahr 15 bleibt es relativ ruhig an der Grenze.

Nach dem Tod von Kaiser Augustus im Jahr 14 wird Tiberius sein Nachfolger; das Kommando über die Rheinarmee führt nun Germanicus, der Sohn des Drusus. Bis zum Jahr 16 unternimmt er mehrere Feldzüge bis tief ins Germanenland, teils mit mehr als 30.000 Mann. „Mehr um die Schmach zu tilgen wegen des mit Quintilius Varus verlorenen Heeres, als aus Verlangen nach Erweiterung des Reiches oder wegen eines sich verlohnenden Gewinns“ urteilt Tacitus später über den Sinn der Vorstöße. Doch die militärischen Erfolge der zwei Kriegsjahre sind mäßig und die Verluste hoch. Cherusker und Chatten sind noch immer nicht geschlagen, ein baldiger Sieg ist nicht abzusehen. Kaiser Tiberius beruft Germanicus zurück nach Rom – das offizielle Ende des Krieges um Germanien. Die Stützpunkte östlich des Rheins wie Höchst und Friedberg werden aufgegeben, ein Brückenkopf einschließlich Wiesbadens bleibt jedoch besetzt. Es soll rund 70 Jahre dauern, bis ein weiterer Krieg die Wende bringt – und im Schutz des Limes eine neue römische Provinz gedeiht.


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